Kapitel 19 – Caligo

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Das war die Strafe der Götter.

Die Strafe die sie für Lux beschlossen hatten und in gewisser Weise nun auch für ihn. Das lag sicher daran, das er Lux geholfen hatte sich für den Weg zu einem Job, bei der Wache zu entscheiden und diesen dann auch mit seiner Hilfe zu erreichen.

Doch er hätte niemals ahnen können, das die Situation und seine Hilfsbereitschaft ihn nun so weit in die Sache verwickeln würden. Und das auch er nun Folge dafür zu tragen hatte was Lux mit Josh angestellt hatte.

Das Ganze empfand er als nicht wirklich fair.

 

Nun standen sie wieder auf dem kleinen Podium, das irgendein paar Wächter auf die Schnelle wieder aus einer entlegenen Ecke der Halle herangezogen und zusammengesetzt hatten.

Vim fühlte sich allerdings hier drauf wie auf einem Präsentierteller, wie auf einem Marktstand angepriesene Ware. Aber noch war es auszuhalten, denn die Menge um das Podium herum fehlte noch, die Durchsage sollte nun jeden Moment kommen, und Vim stellte sich vor wie schön es doch nun wäre, wenn er sobald sich eine größere Gruppe bilden würde in ihr unterzutauchen. Doch das würden die beiden grimmig dreinschauenden Wachen links und rechts von ihm sicher nicht zu lassen.

Seit dem Augenblick an, als die erste zur Kammer hinzukommende Wache die Nummern auf den Gegenständen sah wurde er auch wie ein Gefangener behandelt.

Er wurde sichergestellt, mit anderen Worten festgehalten, bis Red und Ric sich ein Bild über die Lage gemacht hatten. Danach wurde zumindest der Griff etwas lockerer, denn der Hauptteil der Strafe galt nicht ihm, sondern Lux.

Lux fehlte noch auf dem Podium, aber Vim konnte sich schon vorstellen wo Lux gleich stehen durfte sobald man ihn aus seiner Dunkelzelle befreit hatte und er hier ins Licht geführt wurde. Denn im Vergleich zum ersten Mal als Vim die Bühne gesehen hatte war sie nun um einen kleinen Anbau erweitert worden. Dieser sah genauso provisorisch aus, wie er wahrscheinlich auch war. Am hinteren Ende dieses Anbaus, war ein dicker Holzbalken aufgerichtet wie ein Totem, das nur darauf wartete das ein Opfer an es gebunden wurde.

Die Durchsage kam, aber Vim hörte gar nicht so genau hin, ja, sie ging sogar eher ganz an ihm vorbei. Was würde es schon für einen Unterschied für ihn machen.

Langsam aber stetig, wuchs die Ansammlung an Menschen die sich um das als Bühne zu bezeichnende Holzgebilde versammelte. Die Menschen bildeten eine fast einheitliche Masse in der nur ein paar kleinere Gruppen wie Klumpen umhertrieben bis sie eine Stelle gefunden hatten an denen sie sich festsetzen konnten. Zwischen all den Gesichtern die zu ihm nach vorne schauten entdeckte er auch Augi, dessen Blick allerdings nichts darüber verriet was er dachte, und Mia die gar nicht gut aussah. Alle Farbe wich aus ihrem gesicht als sie ihn sah und ihre Augen huschten ein wenig verwirrt hin und her. Dann verlor Vim sie wieder in der sich ständig bewegenden Masse an menschlichen Körpern die immer noch ohne unterlass in die Halle drängten.

Dann kehrte langsam Ruhe ein und ein paar einzelne Personen tröpfelten noch langsam herein. Sie warteten auf das, was ihnen in der Durchsage angekündigt und versprochen wurde.

Red trat von der Seite auf die Bühne und damit dann auch in Vims Blickfeld.

“Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, auserwählte der Mächtigen die die Ehre haben in diesem Enklave der gefährlichen Welt zu trotzen. Auf ein langes Leben!”  begann er als er den vorderen Rand der Bühne erreicht hatte. Vim kam dieser Beginn der Rede sehr bekannt vor, es musste so etwas wie die Standardbegrüßung sein und wie beim letzten Mal brandete wieder Applaus los, den Red behutsam wieder in die Stille zurück beschwichtigte.

“Wir wurden heute hier zusammengerufen,” fuhr er fort und auch das kannte Vim noch, “denn die Strafe der Götter ist endlich eingetroffen. Heute werden beide Beteiligten ihrer gerechten Bestrafung zugeführt.” Wieder johlte die Menge.

“Einer der von den Göttern angeklagten ist für die meisten von euch noch ein Unbekannter. Aber ihr werdet ihn nun kennen lernen.” Red drehte sich zu Vim um und ließ seinen Arm auf ihn gerichtet als er den Kopf wieder zum Volk zurück wandte um weiter zu sprechen. “Das hier ist 347, Vim mit seinem selbstgewählten Namen, und er war mit einer der Gründe warum Lux überhaupt erst zur Wache gekommen ist.”

Vim spürte die Last der tausend Blicke auf ihm, die sich ihm zuwendeten und ihn alle zu löchern schienen. Sie wollten jede seiner Regungen und Merkmale einfangen, fast so als würde von ihm eine Gefahr ausgehen, die es zu erkennen und zu vermeiden galt. Er konnte auch fast schon die Hitze eines glühenden Eisens fühlen das ihn gleich brandmarken würde.

“Er hat sich neben seiner Arbeit bei unseren Pilzfeldern auch noch in seiner Freizeit euch, den Mitbürgern angenommen. Ein eigentlich sehr löbliches Verhalten.

So kümmerte er sich auch um Lux, 348, als er in seinem zelt verloren erschien und er half ihm dabei sich zu entscheiden, da ihm die Götter anscheinend keine Aufgabe zuteil werden ließen. Er war es der mich wegen einer Aufnahme in die Wache ansprach und der Lux dabei half diese Position verdient einzunehmen.”

Red machte eine Pause in der nichts als Stille in der Halle hing.

“Und die Götter,” begann er erneut, diesmal mit lauterer Stimme,” empfanden dies als eine Art Teilschuld von Vim am Tod von Josh. Er erfährt allerdings keine allzu große Strafe von Ihnen, sondern er wird die Strafe an Vim ausführen müssen.”

Die Menge grölte und Red drehte sich einer Wache neben der Bühne zu und gab ihm ein Zeichen, vermutlich das, dass er nun fertig mit seiner eigentlichen Ansprache war und nun der Hauptgang serviert werden konnte. Dann erst ließ er seine Aufmerksamkeit zurück in die Halle fallen.

“Nun werdet ihr Zeugen der Kraft und des Willens der Götter werden, während hier vor euch die Bestrafung vollzogen wird.”

Die Stimmung in der Masse der Menschen brandete weiter auf, schwappte hoch und schlug wie eine gefährliche Brandung gegen den Weg der nun in ihrer Mitte für Lux freigemacht wurde. Seine Hände waren mit einer dunklen Kette gefesselt und er hatte den Kopf gesenkt, so dass man gar nichts in seinem Gesicht erkennen konnte. Er wurde aus beiden Richtungen beschimpft und bespuckt doch er wurde ohne eine Reaktion von den vier Wächtern die mit ihm mit marschierten weiter auf die Bühne zugezogen.

Sie zogen ihn begleitet mit weiteren Buhrufen die kleinen Stufen auf die Bühne hoch, schleiften ihn zu dem dicken Balken, drückten ihn dagegen und schlossen die Kette die seine Handgelenke umgab hinter seinem Rücken um die Holzsäule. Die ganze Prozedur ließ Lux mit gesenktem Kopf über sich ergehen.

Er schwankte ein wenig als ihn die Wächter losließen und von ihm wegtraten aber er blieb stehen. Seine Haut hatte einen weißlichen Ton angenommen und er schien nur noch Haut und Knochen zu sein. Allem Anschein nach mangelte es in der Dunkelzelle nicht nur an Licht, sondern auch an Nahrungsmitteln. Lux machte keinen guten Eindruck, eher wie ein geschundenes Tier das man nach einer Ewigkeit aus seinem dunklen Käfig gezogen hatte.

Danach ergriff Red wieder das Wort. “Ihn kennt ihr bereits,” seine Handbewegung umfasste die Hälfe der Bühne auf der Lux an dem Balken hing, “und nun werdet ihr Zeuge der Strafe der Götter an ihm.

Diese schickten uns heute eine Pistole mit Vims Nummer eingraviert und einer Patrone die die Nummer von Lux ziert.

Und genau so soll ihr Wille ausgeführt werden. Vim wird die Waffe gegen Lux erheben und ihn im Namen unserer Götter richten, damit wieder Gerechtigkeit und Wohlwollen für uns herrsche.”

Vim musste schlucken, er hatte schon damit gerechnet was nun noch einmal laut vor allen verkündet wurde, aber es fühlte sich alles andere als richtig an. Ihm wäre es gerade am liebsten wenn er unten unter den anderen Menschen stehen könnte, einfach nur zusehen und dann wenn der entscheidende Moment da war einfach den Blick abwenden. Einfach nicht das sehen, was nun für ihn unvermeidbar war.

Da wurde er auch schon von den Wächtern neben ihm nach vorne geschoben. Und dann ließ ihr Griff von ihm los und er stand mitten auf der Bühne, neben Red, unschlüssig was er nun tun sollte. Einen kurzen Moment überkam ihn die Idee er könnte nun einfach lossprinten, in die Menge eintauchen und verschwinden. Aber wohin? Und würde ihn dann wahrscheinlich nicht dasselbe Schicksal wie Lux einholen? Und so blieb er dort etwas verloren stehen, bis Red sich ihm zugewandt und ihm theatralisch die Pistole reichte die er gerade hinten aus seinem Hosenbund gezogen hatte.

“Sie ist schon geladen.” raunte Red ihm zu, bevor er die Waffe losließ. “Und schau das du es richtig machst. Also am Besten den Kopf treffen, sonst leidet er.” Danach trat er hinter Vim und gab ihm im vorbeigehen noch einen kleinen Klaps auf die Schulter aller Du-machst-das-schon.

Und so stand Vim dann da, die Waffe die für ihn mit der Kammer gekommen war in der Hand und unschlüssig was er jetzt tun sollte. Er konnte doch nicht einfach die Pistole heben, sie fühlte sich bleischwer in seinen Händen an, und sie auf Lux richten, der immer noch mit gesenktem Kopf an der Balken hing. Nein, er hatte soweit er sich zumindest erinnern konnte noch nie eine Waffe in der Hand gehalten, geschweige den überhaupt eine benutzt. Doch nun würde er wohl eine benutzen müssen. Was blieb ihm schon anderes übrig.

Über die ganze Halle hatte sich erwartungsvolles Schweigen gelegt und alle Augen waren auf Vim gerichtet, fast alle, aber Lux konnte man dabei erstmal außen vor lassen. Vim merkte wie seine Hände und sein Rücken schwitzig wurden und die Pistole in seinen Händen zu rutschen begann. Er griff fester zu und seine Finger färbten sich weiß so fest hielt er den Griff umklammert.

Die Mitglieder des Rates in den vorderen Reihen wurden langsam ungeduldig und die ersten leise geflüsterten Sätze waren zu hören. Und die verheißen sicher nichts Gutes.

“Vim vollzieht nun die Strafe.” rief Red und Vim fühle wie sich seine Hände mit der Pistole langsam auf Schulterhöhe hoch quälten. Eigentlich wollte er das alles nicht.

“Lux,” begann Vim, wobei er die Hälfte des Namens nur noch schluchzte, er merkte wie die erste Träne in seinem Auge die Sicht verwischte. Er hoffte er würde noch treffen wenn das so weiterging. “Schau dir nochmal diese Leute an. Sag ihnen dass du es nicht warst.” Seine Arme zitterten und er war sich sicher das in Wahrheit sein ganzer Körper zitterte. “Sag es, bitte.”

Lux bewegte seinen Kopf ein Bisschen aber nicht viel genug, das ihm die Haare aus dem Gesicht rutschten.

“Bitte, sag es…” Die Tränen liefen Vim nun auch auf beiden Seiten über die Wangen.

Lux nuschelte etwas aber Vim verstand es nicht. “Sag es lauter.”

Lux holte tief Luft, das sah man daran wie sich seine Brust unter dem zerschlissenen Hemd hob und senkte, das er seit dem Tag an dem er in die Dunkelzelle gesteckt wurde an hatte. Die Haare die vor seinem Mund hingen bewegten sich als er diese Worte laut und deutlich in den Raum hinaus zischte.

“Tu es einfach.”

 

Und damit war es wie als wäre ein Beil der Guillotine auf Vim hinab gefallen und Vim konnte nichts mehr daran ändern.

Er konnte nichts anderes mehr tun als das, was von fast allen als das Richtige angesehen wurde. Und so tat er es.

Vim drückte ab.

nächstes Kapitel

zurück zum Inhaltsverzeichnis